Bd. XIV · Heft 06 · Juni 2026
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Corporate Publishing · 12 min

Die unerwartete Print-Renaissance: Corporate-Publishing-Markt 2026

Nach einem Jahrzehnt der Digital-Verlagerung steigen die Auflagen der Kunden-Magazine im DACH-Markt erstmals seit 2014 wieder. Was die Premium-Hefte von Audi, Würth und Hornbach 2026 richtig machen — und warum Newsletter-Open-Rates parallel kollabieren.

Die Zahlen, die niemand erwartet hat

Das Forum Corporate Publishing DACH (FCP) — der Branchen-Verband mit rund 320 Mitgliedern aus Unternehmen, Verlagen und Agenturen — hat in seinem Marktreport im März 2026 eine Zahl publiziert, die nach zwölf Jahren Print-Erosion überraschte: Die durchschnittliche Auflage gedruckter Kunden-Magazine im DACH-Raum ist 2025 um 4,2 Prozent gegenüber 2024 gestiegen. Erstmals seit 2014 ein positives Vorzeichen. Parallel dazu hat die durchschnittliche Newsletter-Open-Rate im Corporate-Publishing-Segment 2025 die psychologische 20-Prozent-Marke nach unten durchbrochen und liegt 2026 bei 19,8 Prozent — gemessen über 47 große CP-Programme im FCP-Benchmark.

Beide Datenpunkte zusammen erzählen eine Geschichte, die in den Marketing-Abteilungen nach Jahren der Digital-First-Doktrin Unbehagen auslöst: Die Aufmerksamkeitsökonomie hat sich verschoben. Was nach Digital-Fatigue, Post-DSGVO-Inbox-Übersättigung und Werbe-Blocker-Saturierung kommt, ist nicht mehr noch mehr Digital — sondern ein neuer Premium-Print, der gezielt das tut, was Digital strukturell nicht leistet: physische Präsenz, ungeteilte Lese-Zeit, taktile Marken-Erfahrung.

Drei Hefte, die den Markt 2026 prägen

Wer die Renaissance verstehen will, schaut auf drei Programme.

Audi „Encounter” erscheint vierteljährlich in 300.000 Auflage, Sprache Deutsch und Englisch, Format 230 × 297 mm, Umfang 128 bis 144 Seiten. Druck im Tiefdruck auf einem 130 g/m² Bilderdruck matt mit Pantone-Coated-Veredelung bei Cover-Akzenten (PMS 109 C als Audi-Goldton im Editorial-Header). Distribution per Direct-Mailing an Bestandskunden ab Audi A6 aufwärts plus Auslage in 412 deutschen Audi-Häusern. Die jüngste Ausgabe widmet sich elektrischer Antriebsarchitektur und Designsprache nicht im Produkt-Modus, sondern als Editorial-Essay mit Ingenieur-Porträts und Werks-Fotografie.

Würth „WHAT” kommt halbjährlich in 185.000 Auflage, Hauptsprache Deutsch, kuratierte Englisch-Variante für Export-Märkte. Format 240 × 320 mm, Umfang 96 bis 112 Seiten, 150 g/m² Bilderdruck matt, FSC-Mix-zertifiziert. Cover-Veredelung mit partiellem UV-Lack über Hauptmotiv. Würth verschickt direkt an Stamm-Handwerks-Kunden mit dokumentierter DSGVO-Einwilligung gemäß Art. 6 Abs. 1 lit. a — Einwilligung wird bei Vertragsabschluss als opt-in eingeholt, jährliche Re-Confirmation per Postkarte mit Reply-Card.

Hornbach „Project” liegt vierteljährlich bei 220.000 Auflage, Format 230 × 280 mm, Umfang 84 bis 96 Seiten, 135 g/m² Bilderdruck matt. Distribution gemischt: Direct-Mailing an Project-Card-Inhaber plus Filial-Auslage in 96 deutschen Filialen, dort positioniert im Bauberater-Bereich und an der Kasse. Cover mit Pantone-Hornbach-Orange (PMS 158 C) als Wiedererkennungs-Anker.

MagazinAuflageErscheinungFormatPapierDruckverfahren
Audi „Encounter”300.000Quartal230×297 mm130 g/m² BD mattTiefdruck
Würth „WHAT”185.000Halbjahr240×320 mm150 g/m² BD mattBogenoffset
Hornbach „Project”220.000Quartal230×280 mm135 g/m² BD mattBogenoffset

Was die Premium-Modelle gemeinsam haben

Drei strukturelle Gemeinsamkeiten lassen sich aus der FCP-Best-of-Corporate-Publishing-Award-Analyse 2026 (Gold-Kategorien Print, Digital, Crossmedia) ableiten.

Erstens: Editorial-Logik vor Produkt-Logik. Keine der drei Publikationen führt das Produkt vor wie ein Katalog. „Encounter” hatte 2025 ganze 14 Prozent Produkt-bezogenen Content, der Rest waren Reportagen, Essays, Kultur-Themen mit thematischer Nähe zur Marken-Welt. „WHAT” widmet sich Handwerks-Geschichten, Material-Reportagen, Projekt-Porträts. „Project” zeigt DIY-Projekte als Storytelling — nicht als Schritt-für-Schritt-Anleitung.

Zweitens: Haptik als Markenwert. Alle drei Programme arbeiten mit Premium-Papieren ab 130 g/m² Bilderdruck matt und gezielten Veredelungen. Heißfolien-Prägung bei „Encounter” für die Quartals-Ausgaben des Geschäftsjahres-Anfangs, partieller UV-Lack bei „WHAT”, Sonderfarben-Cover bei „Project”. Pro Cover-Veredelung entstehen typischerweise Mehrkosten von 0,18 bis 0,42 EUR pro Heft — bei 220.000 Auflage also 40.000 bis 92.000 EUR pro Ausgabe nur für die Cover-Wirkung.

Drittens: Distribution mit datenrechtlicher Sauberkeit. Direct-Mailing ist 2026 nur tragfähig mit dokumentierter Einwilligung. Würth, Audi und Hornbach haben ihre Empfänger-Stammdaten in den vergangenen drei Jahren konsequent auf opt-in-Einwilligung umgestellt. Wer 2026 noch mit „berechtigtem Interesse” nach Art. 6 Abs. 1 lit. f als Rechtsgrundlage für Print-Mailing argumentiert, riskiert Abmahnungen — und reibt sich an der seit 2025 verschärften Verbandsklage-Richtlinie auf.

Heft-Form-Tendenzen 2026: das Coffee-Table-Halbjahresheft

Die FCP-Daten zeigen eine zweite Bewegung: Die monatliche Kunden-Zeitschrift verschwindet, das halbjährliche Coffee-Table-Format wächst. Von 2022 bis 2025 hat der Anteil monatlich erscheinender CP-Print-Titel im FCP-Mitglieder-Pool um 38 Prozent abgenommen, der Anteil halbjährlicher Publikationen mit mehr als 80 Seiten ist um 51 Prozent gewachsen.

Die ökonomische Logik dahinter ist unmittelbar: Ein halbjährliches Premium-Heft mit 96 Seiten kostet pro Ausgabe in Produktion und Druck etwa das 1,8-Fache eines monatlichen 32-Seiten-Hefts — bei gleicher Auflage. Die Stückkosten pro Lesekontakt sind also höher. Die Verweildauer im Haushalt aber liegt nach FCP-Erhebung 2025 bei 47 Tagen für ein Coffee-Table-Heft gegenüber 11 Tagen für ein Monatsheft. Die effektive Aufmerksamkeits-Kosten-Rechnung fällt klar zugunsten der weniger frequenten, dafür wertigeren Publikation aus.

Was 2026 dagegen spricht — und warum es trotzdem läuft

Drei Einwände tauchen in jeder Vorstandssitzung auf, in der ein Premium-Print-Programm verteidigt wird.

Der Kosten-Einwand: Eine Quartals-Publikation in 200.000er Auflage mit 96 Seiten und Premium-Papier kostet pro Ausgabe netto 220.000 bis 380.000 EUR all-in (Redaktion, Layout, Foto-Production, Druck, Vertrieb). Im Jahr also 880.000 bis 1,5 Mio. EUR. Verteidigbar wird das nur, wenn der Bestandskunden-Wert pro Empfänger und das Cross-Sell-Potenzial die Investition rechnen lassen — bei Audi, Würth und Hornbach gegeben, bei kleineren Mittelständlern oft nicht.

Der Messbarkeits-Einwand: Print liefert keine Click-Daten. Die FCP-Verbände-Community hat 2025 einen QR-Code-Standard für CP-Print etabliert, der je Heft-Sektion eigene QR-Codes mit UTM-Parametern erlaubt. Bei „Encounter” wird über solche Codes eine Brückenmessung in die Audi-CRM-Welt geschlagen. Click-Through-Rates aus Print-Magazinen liegen typisch bei 0,8 bis 2,1 Prozent, deutlich über Display-Werbung.

Der Nachhaltigkeits-Einwand wird 2026 differenzierter geführt. FSC-Mix-Zertifizierung ist Mindeststandard, Recycling-Papier in der Tendenz, EU-Verpackungsverordnung (PPWR) seit 2025 mit Versand-Umschlag-Vorgaben. Würth verschickt seit 2024 in FSC-Recycling-Versand-Karton, der Energieaufwand pro Heft sinkt durch lokale Druckereien. Vergleichende CO₂-Bilanzen Print vs. Digital sind ambivalent — Digital ist nicht automatisch grün, wenn Newsletter-Empfänger sie auf Geräten mit Streaming-Konsum öffnen.

Wohin der Markt 2026 läuft

Die FCP-Prognose für 2026/2027 ist nüchtern: Die Print-Renaissance wird kein flächendeckender Trend zurück zur Kunden-Zeitschrift, sondern eine Premium-Konsolidierung. Die Zahl der Programme schrumpft weiter, die Auflagen der Premium-Programme wachsen, die Stückkosten pro Heft steigen. Wer 2026 ein neues CP-Print-Programm aufsetzt, startet mit 96 Seiten halbjährlich, Bilderdruck matt ab 130 g/m², FSC-Mix-Zertifizierung, dokumentierter DSGVO-Einwilligung und einer redaktionellen Linie, die das Produkt zugunsten der Marken-Welt zurücknimmt.

Die parallele Newsletter-Open-Rate-Entwicklung ist kein Argument gegen Digital — sie ist ein Argument für Editorial-Substanz auf jedem Kanal. Wer 2026 noch einen Newsletter mit drei Produkt-Promos versendet, bekommt 14 Prozent Open-Rate. Wer einen redaktionellen Long-Read versendet, kommt auf 28. Der Premium-Print bestätigt die Regel, statt sie zu brechen.


Ressort: Corporate Publishing